Wo es aber an vitaler Kultur mangelt, wird Demokratie zur Beute der Politik.
Kommentar zum in Cicero ONLINE MAGAZIN FÜR POLITISCHE KULTUR am 29.09.2011 veröffentlichten Artikel von MANFRED GÜLLNER: PARTEIENKRISE : Dumme Wähler oder ignorante Politik?
Jeden vom Volk - direkt oder mittelbar - gewählten Politiker, der die mangelnde politische Bildung der Wähler bejammert, beklagt oder beschimpft, sollte man nach seinem politischen Bildungsgang und dessen Qualität in’s öffentliche Kreuzverhör nehmen.
Zumindest hat er vergessen, dass er ja selber zum Wahlvolk gehört und durch das Gewähltwerden allein seine Fähigkeit, das politisch Notwendige vom politisch Wünschenswerten zu unterscheiden und dann auch noch in Beziehung zum politisch Möglichen zu setzen, nicht wie durch einen Zauber gestärkt wird.
Parteien beziehen ja ihre Legitimation daraus, dass sie sich bemühen, jedenfallls anmassen, der Wählerschaft, Sinn, Zweck und Umsetzbarkeit ihrer Programme verstänlich zu machen und sie über die Hintergründe der Notwendigkeiten aufzuklären.
Den Medien wird ja genau die Fähigkeit zur Erfüllung dieser Aufgaben am ehesten abgesprochen, besonders von denjenigen Politikern , die sich mit den von ihnen mitverursachten und beeinflussten Wirklichkeiten nicht abzufinden vermögen und meinen, Politik sei eine Art Berufung, Wirklichkeit durch Anschein zu ersetzen.
Dass sie (die Politiker) dann auch noch gern bereit sind, die Sicherheit des Staates und seiner Einrichtungen durch Verheimlichung, Beschönigung oder andere Entstellung entscheidender Grundlagen, Voraussetzungen und Umständen vor der Mehrhheit der Steuern zahlenden Bevölkerung “retten” zu müssen, ist ja gerade eine der wichtigen Ursachen dafür, dass die Mehrhheit der Bevölkerung nicht über das Wissen verfügen kann, dessen es bedarf, um sich eine Meinung überhaupt machen zu können.
Es ist ein Zeichen der Intelligenz, nicht ein Merkmal der Dummheit, sich keine Meinung zu machen, wo man merkt, dass man genau das nicht weiss, das zu wissen es bräuchte, um eine brauchbare Meinung bilden zu können. Und wo bitte, soll der Wähler sich schlauer machen, wenn er nicht wissen kann, wo er brauchbare Auskunft erhält? Und was bitte, wenn der Wähler, der sich schlauer machen will, mit Antworten abgespiesen oder gar abgewiesen wird, von denen er bei kritischer Würdigung der erhaltenen Informationen pflichtgemäss und nüchtern zum Schluss gelangen muss, dass er nicht schlauer geworden ist und dass mit dem, was ihm da für billig verkauft wird, einfach nichts anzufangen ist?
Wie dumm und desinteressiert und faul ist denn der Mensch, der aus seiner Erfahrungen mit politischen Gaukeleien klug geworden, zwar angewidert und gelangweilt den faulen Zauber aus den Parteiküchen zur Kenntnis nimmt aber es für zwecklos hält, sich DAzu auch noch eine Meinung zu bilden?
Die Politiker, die sich über das dumme Volk empören, sind selber unfähig, Meinung von Applaus seitens einer abgerichteten bzw. vorinstallierten Claque zu unterscheiden. Sie sind beleidigt, dass man sie und was sie tun für das Künftige, für das ausserhalb ihrer Horizonte Liegende und Wirkende, für letzten Endes unwichtig und belanglos hält.
In der “Bevölkerung” wächst die Ahnung, dass sie und die friedliche, für menschliches Dasein gedeihliche Koexistentialität, die sie entwickeln können und dürfen sollte, nicht eigentlich regierbar sind, sondern im idealsten Falle moderiert werden.
Demokratie ist kein Werk der Politik, sondern der sich wandelnden Kultur. Wo es aber an vitaler Kultur mangelt, wird Demokratie zur Beute der Politik.
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